Sambia hat eine der höchsten Entwaldungsraten der Welt. Für zwei Drittel der Bevölkerung sind Holz und Holzkohle die einzigen Energielieferanten. Die Ernten fallen immer schlechter aus, weil die Böden ausgelaugt und erodiert sind. Die Chikuni-Mission sorgt dafür, dass Kinder und Jugendliche alternative Land- und Forstwirtschaftsmethoden lernen - u.a. per Radiounterricht. Ihr Wissen geben die jungen Leute an ihre Familien weiter - mit Erfolg. Die ökologische und ökonomische Talfahrt vieler kleiner Farmen konnte gestoppt werden.

Fotos: Birgit & Harald Spoddig
„Und daraus werden mal vier Meter hohe Bäume!" Stolz zeigt Protecious Mapanza auf die Setzlinge des schnell wachsenden Moringa-Baumes, die er selbst gezogen hat. Er wird sie rund um das Ackerland seiner Familie in dem kleinen Dorf Kanchomba pflanzen, um den Boden vor Erosion zu schützen. Die Blätter, Früchte und Samen des Baumes ergänzen zukünftig den Speiseplan der Familie. In Davids übrigen Beeten stehen Gemüsepflanzen in Reih und Glied. Die rote Erde ist ordentlich bearbeitet, kein Unkraut ist zu sehen. In einer Ecke hat der Junge einen Komposthaufen angelegt, wie er es in der Radio-Schule gelernt hat. Die neu entstandene fruchtbare Erde mischt er unter die Beete - organischer Dünger, ganz ohne Chemie.
Wie der Sohn, so jetzt auch der Vater
„Protecious Mapanza hat viel gelernt in der Chikuni-Schule", erzählt sein Vater, der offensichtlich sehr stolz ist auf seinen Sohn. „Seitdem er uns hilft, ernten wir mehr als vorher. Wir haben genug zu essen und können manchmal sogar noch Gemüse auf dem Markt verkaufen!" Der Vater hatte sein Stück Land bisher auf althergebrachte Weise bearbeitet, so wie es schon seine Eltern und deren Vorfahren jahrhundertelang praktiziert hatten. Doch die Ernten fielen immer schlechter aus. Er musste irgendwann einsehen, dass er mit seinem Wissen die Ernährungssituation der neunköpfigen Familie nicht verbessern konnte. Deshalb gab er seinem Sohn gern die Möglichkeit, sein erlerntes Wissen auf den Feldern zu Hause umzusetzen. Und sein Vertrauen hat sich gelohnt - die Methoden des 15-Jährigen funktionieren: Die Böden sind nährstoffreicher, vor Erosion geschützt und bringen mehr Ertrag.

Landwirtschaftsunterricht übers Kurbel-Radio
Protecious Mapanza lebt in der Gemeinde Chikuni. Sein Wissen hat er in keiner gewöhnlichen Schule gelernt. 30 Kilometer müsste er bis zur nächsten staatlichen Grundschule laufen. Aber seine Eltern könnten ohnehin nicht das Schulgeld zahlen. Und weil die Kinder aus den Dörfern hier nicht zum Unterricht kommen können, kommt der Unterricht eben zu ihnen. Per Radio. Der Kindernothilfe-Partner Chikuni-Mission hat zu diesem Zweck in Chikuni extra einen modernen Radiosender aufgebaut. Von montags bis freitags sitzen hier Lehrer für alle wichtigen Fächer am Mikrofon und halten Unterrichtsstunden ab. Und in 23 Dörfern im Umkreis von 50 km hören Kinder in einfachen kleinen Schulen gebannt zu. Ungefähr alle 20 Minuten wird die Stimme aus dem blauen Radio im Klassenzimmer leiser und leiser. Dann springt ein Schüler auf und dreht die Handkurbel, um über den Dynamo den Akku wieder aufzuladen.
Zehn Radioschulen haben eine Baumschule
„Wir erreichen damit inzwischen 69 Klassen der Klassenstufen 1 bis 10 mit etwa 2.300 Kindern", freut sich Projektleiter Father Tadeusz. „Wir haben Einheimische zu Hilfslehrern ausgebildet und mit finanzieller Unterstützung der Kindernothilfe Unterrichtsmaterialien entwickelt. Vormittags steht die elementare Schulbildung auf dem Stundenplan. Einmal pro Woche unterrichten Fachleute die Kinder in nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft." Die Hilfslehrer sprechen den Stoff nach der Sendung mit den Kindern durch. Zehn der Radioschulen haben eine Baumschule und einen Gemüsegarten, Brunnen und Bewässerungsanlagen. Bei ihnen probieren die Schüler die neuen Informationen im Fach Landwirtschaft anschließend direkt aus. Weitere Schulgärten sind in Planung.
„Die Radioschulen tauschen sich auch untereinander aus", berichtet Ina Prager, Projekt- und Programmkoordinatorin für Sambia. „Die Kinder wandern bis zu 13 Kilometer zur nächsten Radioschule, um nachzusehen, wie es in den Gärten der anderen läuft. Mindestens einmal im Jahr organisiert die Chikuni-Mission einen Wettbewerb mit der Prämierung des besten Schulgartens. Darüber wird dann auch im Radio berichtet. "
Nährstoffreiches Unkraut
Nachhaltige Landwirtschaft ist in Sambia überlebenswichtig. Während Reisesprospekte ausländische Touristen mit der spektakulären Natur nach Sambia locken - zum Beispiel den tierreichen Nationalparks, den Victoria-Fällen - haben die meisten Einheimischen nur wenig Zeit, die Schönheiten von Flora und Fauna zu genießen. Zehn der zwölf Millionen Einwohner sind Kleinbauern und kämpfen ums Überleben. Viele müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Besonders Kinder sind unterernährt, häufig krank und entwickeln sich nicht richtig. Immer mehr Bauern holzen Wälder ab, weil sie Feuerholz brauchen, und verschlechtern dadurch die Wasseraufnahmefähigkeit der Böden. Das Wetter verschärft ihre Situation: Lange Trocken-Phasen werden von vormals nie beobachteten sintflutartigen Regenfällen abgelöst, die vom Boden nicht mehr aufgenommen werden können.
Die Chikuni-Mission versucht mit ihren Mitteln, im Projektgebiet die Landwirtschaft an die Klimaverhältnisse anzupassen. Die Kinder lernen die nachhaltige Aufforstung - für die Deckung des Holzbedarfs, aber auch zum Schutz vor Erosion. Sie erfahren, wann und wie welches Gemüse gesät wird, wie sie einen Komposthaufen anlegen und Agrarprodukte konservieren können. Ganz wichtig sind auch Ernährungstipps, die sie im Radio-Unterricht bekommen. Welche Pflanzen sind kostengünstig, wachsen vielleicht sogar wild und sind gleichzeitig nährstoff- und vitaminreich? Dies ist ein besonderes Steckenpferd von Father Thadeusz. Der Priester probiert schon mal hier und da ein paar Unkraut-Blätter, um zu sehen, ob sie schmecken und ihm auch bekommen. Ist das der Fall, schickt er sie an die Universität in Lusaka und lässt sie auf ihren Nährstoff-Gehalt untersuchen.

Wunderbaum Moringa-Tree
Der Moringa-Baum ist in den Schulgärten sehr beliebt. Er wächst in Sambia wild, und seine Blätter sind ein Kraftpaket an Vitaminen und Nährstoffen, die Menschen und Tiere brauchen. Außerdem lässt sich von der Wurzel bis zur Frucht fast alles verwerten: Blätter, Samen, Früchte und Wurzeln sind essbar, aus Blüten, Wurzeln und Rinde kann man Medikamente herstellen, die Samen machen Wasser keimfrei, die Rinde lässt sich auch zu Seilen und Papier verarbeiten. Alle Teile eignen sich auch als Tierfutter und Biodünger.
Da die Ernten durch die neuen Methoden jetzt ertragreicher ausfallen, lernen die Kinder, wie sie Obst und Gemüse haltbar machen können, um Vorräte für Trockenperioden anzulegen. Dafür hat die Chikuni-Mission die Schulgärten mit Solartrocknern ausgestattet: Mangos, Papayas, Bananen, Zitronengras, Okraschoten, Moringa-Blätter etc. werden jetzt für den Eigenbedarf und den Verkauf getrocknet.
Die Kinder sind stolz auf ihr Projekt
Die Kinder stehen mit Begeisterung hinter dem Projekt, denn sie wissen: Was wir hier lernen, bringt uns weiter. Und dass sie ihren Eltern etwas beibringen können, macht sie natürlich auch ein bisschen stolz! Die Verwaltung von Schulgärten und Brunnenanlagen liegt fest in Kinderhand. Sie entscheiden auch mit, wie und wo die landwirtschaftlichen Produkte vermarktet werden. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihr Verantwortungsbewusstsein. Der Verkaufserlös wird geteilt: Ein Teil fließt zurück in den Betrieb der Schulgärten - wobei auch hier die Kinder mitreden, was dafür angeschafft wird. Der Rest wird gespart für die Ausbildung von Schülern, die später eine weiterführende Schule besuchen möchten.
Einer dieser Kandidaten ist Protecious Mapanza. Der Siebtklässler möchte später in dem Bereich arbeiten, in dem er schon jetzt ausgebildet wird: als Ökobauer.
Gunhild Aiyub, Redakteurin - in Zusammenarbeit mit Birgit und Harald W. Spoddig
aus: Dossier welt-sichten, 9/2010
Harald W. Spoddig: Foto-Galerie der Chikuni-Radioschulen
